Ein KI-Chat, der nicht aus jedem Gedanken sofort ein Problem und aus jedem Problem eine To-do-Liste macht: Das versucht das neue deutsche Projekt sortiermal. Der digitale Gesprächspartner richtet sich an ältere Jugendliche und junge Erwachsene, kann ohne Konto ausprobiert werden und lässt Nutzer selbst bestimmen, was sie gerade von einem Gespräch erwarten.
Manchmal möchte man einfach etwas loswerden. Vielleicht hängt ein Streit nach, der Kopf ist voll oder ein Gedanke lässt einen nicht in Ruhe. Viele Menschen öffnen in solchen Momenten längst ChatGPT oder einen anderen KI-Chat. Doch die Antworten wirken schnell wie aus einem Ratgeber: Erst wird zusammengefasst, dann das Gefühl gedeutet und am Ende folgen Übungen oder Tipps, obwohl danach niemand gefragt hat.
sortiermal setzt genau dort an. Das Projekt will kein digitales Therapieprogramm sein, sondern ein persönlicher KI-Gesprächspartner, der zuhört, sinnvoll nachfragt, eine eigene Sicht anbieten kann und nicht automatisch in die Rolle eines Coaches rutscht.
Vier Richtungen für unterschiedliche Gespräche
Vor dem Start wählen Nutzer eine von vier Gesprächsrichtungen: „Reden“, „Verstehen“, „Neue Sicht“ oder „Was jetzt?“. So weiß der Begleiter bereits vor der ersten Nachricht, ob jemand einfach erzählen, etwas klarer sehen, eine andere Perspektive hören oder über einen nächsten Schritt nachdenken möchte.
Auch die Ansprache lässt sich einstellen: normal, direkt, locker oder ruhig. Das ist weder Persönlichkeitstest noch Diagnose. Es gibt dem Gespräch lediglich einen Rahmen, damit die KI nicht jedes Mal mit denselben Standardfragen beginnt.
Im Modus „Reden“ soll sie beispielsweise nicht ungefragt mit Lösungen um die Ecke kommen. Bei „Neue Sicht“ darf sie dagegen bewusst widersprechen oder einen anderen Blickwinkel anbieten. Wer „Was jetzt?“ auswählt, zeigt, dass praktische Ideen willkommen sind. Die Richtung lässt sich später wieder ändern.
Zuhören bedeutet mehr als Nachsprechen
Sprachmodelle sind darauf ausgerichtet, hilfreich zu wirken. In einem persönlichen Gespräch kann genau das stören. Wer sagt, dass er wenig schläft, meint nicht automatisch, dass er schlecht schläft. Wer von Einsamkeit spricht, sagt nicht zwingend, dass es ihm schlecht geht. Und wer einen Gedanken äußert, möchte nicht immer sofort einen Test, eine Atemübung oder einen Wochenplan.
sortiermal soll deshalb möglichst nah an dem bleiben, was tatsächlich gesagt wurde. Korrigiert ein Nutzer eine falsche Annahme, muss diese Korrektur im weiteren Verlauf gelten. Ein abgelehnter Vorschlag soll nicht kurz darauf in leicht veränderter Form wieder auftauchen.
Gleichzeitig soll der Begleiter nicht bloß alles wiederholen und danach „Erzähl weiter“ schreiben. Er darf passende Anschlussfragen stellen, Zusammenhänge aufgreifen und eine begründete Einschätzung äußern. Nicht immer zustimmen, nicht vorschnell lösen: Zwischen diesen beiden Extremen soll ein natürliches Gespräch entstehen.
Tippen oder sprechen
Die offene Beta unter sortiermal.de kann direkt im Browser genutzt werden. Zusätzlich zum Textchat gibt es einen freiwilligen Sprachmodus. Nutzer tippen auf das Mikrofon und sprechen ihren Beitrag. Nach einigen Sekunden Stille endet die Aufnahme automatisch; durch erneutes Tippen lässt sie sich sofort abschließen.
Das Gesprochene wird in Text umgewandelt und durchläuft anschließend denselben Gesprächsweg wie eine getippte Nachricht. Die Antwort bleibt sichtbar und kann vorgelesen werden. Dabei wird kein Telefongespräch vorgetäuscht: Erst spricht der Nutzer, dann antwortet der Begleiter. Sollte die Sprachfunktion vorübergehend nicht verfügbar sein, bleibt der Textchat nutzbar.
Ohne Registrierung ausprobieren
Ein Konto ist für den Einstieg nicht nötig. Im Gastmodus bleiben Profil, Einstellungen und Verlauf im lokalen Speicher des verwendeten Browsers. Damit die KI reagieren kann, wird die aktuelle Nachricht dennoch an das Backend und den eingesetzten KI-Anbieter übertragen. Wer Gespräche später auf mehreren Geräten nutzen möchte, kann freiwillig ein Konto anlegen.
Der Begleiter wird sichtbar als KI gekennzeichnet. Er behauptet keine eigenen Gefühle oder menschliche Biografie. sortiermal ersetzt weder professionelle Beratung noch eine medizinische oder psychotherapeutische Behandlung. Im normalen Alltag soll der Chat trotzdem nicht mit einer Wand aus Warnhinweisen beginnen, sondern verständlich und natürlich bleiben.
Ein Projekt aus praktischer Gesprächserfahrung
Hinter sortiermal steht Marco Gehrke aus Syke. Er arbeitet seit 2019 in der sozialpsychiatrischen Unterstützung und entwickelt das Projekt als Privatperson. Die Idee ist aus einer einfachen Beobachtung entstanden: Gute Gesprächsführung zeigt sich nicht daran, möglichst viele Fachbegriffe und Techniken in eine Antwort zu packen. Oft kommt es zunächst darauf an, genau hinzuhören, falsche Schlüsse zu vermeiden und die Richtung nicht ungefragt zu verändern.
sortiermal ist ein Projekt von erstmalreden.de. Während erstmalreden Informationen, Erfahrungen und Orientierung rund um psychische Belastungen bündelt, erprobt sortiermal einen eigenständigen KI-Gesprächspartner für den Alltag.
Die Nutzung befindet sich in einer offenen Beta für Menschen ab 16 Jahren und ist aktuell kostenlos. Das Projekt verspricht weder perfekte Antworten noch eine psychologische Wirkung. Entscheidend ist, ob sich der Begleiter im echten Gespräch tatsächlich aufmerksamer und weniger belehrend anfühlt als ein gewöhnlicher Standardchat.
Von Marco Gehrke


















































