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Borderline: Wie man mit einem Erkrankten umgeht

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WARNUNG DER REDAKTION | In diesem Artikel wird selbstverletzendes Verhalten thematisiert. Das kann für einige User*innen – insbesondere für Menschen mit Borderline – erschreckend sein. Es handelt sich zudem um einen persönlichen Erfahrungsbericht und soll keinesfalls Betroffene stigmatisieren.

Sie fühlen sich leer, ihre Gefühle haben sie nur schwer im Griff und können lügen und sogar andere manipulieren: Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung bewegen sich zwischen den Extremen. Doch wie geht man man mit einer betroffenen Person um? KUKKSI-Reporter Oliver Stangl konnte die Erfahrung mit einem Borderliner über einen langen Zeitraum machen und schildert seine Erlebnisse.

Aggressionen, Panik, Verlustängste oder auch extreme Stimmungsschwankungen sind Symptome bei Borderline. Patienten haben oft ein selbstschädigendes Verhalten oder Gefühle innerer Leere. Bei der BPS handelt es sich um eine Persönlichkeitsstörung, welche den Alltag in vielen Situationen schwierig gestalten lässt – das kann die Lebensqualität nicht nur von dem Betroffenen, sondern auch von ihrem engen Umfeld extrem einschränken. Ein KUKKSI-Redakteur hat genauso jemanden kennengelernt und schildert seine Erfahrungen aus Sicht eines ehemaligen Freundes von einem Borderline-Erkrankten.

Max* (*Namen geändert) lernte ich im Jahr 2020 kennen. Wir verstanden uns auf Anhieb extrem gut und die Chemie hat gepasst. Doch schnell wurde mir klar: Sein Verhalten ist in einigen Situationen sehr auffällig – später war klar: Er litt unter Depressionen, hatte Angstzustände und wie dann auch bekannt wurde, auch Borderline-Anteile. Zwischen uns ging es auf und ab – die Stimmungsschwankungen sind ein typisches Symptom für Borderline. Wir standen uns extrem nahe, aber gleichzeitig waren wir auch in vielen Situation distanziert – das ist bei Borderlinern aufgrund von Stimmungsschwankungen ein völlig normales Verhalten. Denn Betroffene bewegen sich bei nahestehenden Personen immer zwischen Nähe oder absoluter Distanz.

Umgang mit Borderline-Erkrankten musste man erst lernen

Ich habe insgesamt 1,5 Jahre durchgehalten – eine lange Zeit, wenn man davor mit dieser Krankheit noch nie in Berührung gekommen ist. Den Umgang mit einem Borderline-Erkrankten musste man deshalb erst im Laufe der Zeit lernen und sammelte immer wieder neue Erfahrungen, wie man damit umgeht. Denn jegliche Situation kann den Betroffenen triggern – das bedeutet: Ein Trigger ist ein Auslöser für einen Vorgang, welcher ein Symptom bei Borderline oder anderen psychischen Erkrankungen auslösen kann. Und genau darauf musste man achten – deshalb ist der Umgang mit Borderline-Erkrankten auch so schwierig. Doch unterbewusst und ohne Absicht löste man doch immer wieder Trigger bei dem Betroffenen aus – so beispielsweise, als ich aufgrund der Arbeit nicht mit ihm telefonieren konnte, wurde ich direkt für einen Tag bei Whatsapp blockiert. Das hat einen zwar verletzt, aber man musste damit umgehen – irgendwie.

Generell drehen Erkrankte auch oft den Spieß um – so beispielsweise haben Borderline-Patienten eine toxische Ader, aber wird selbst als toxisch bezeichnet. Ist man gerade nicht verfügbar, ist man der Böse, obwohl man nur Gutes will. Macht man mal einen Fehler, wird man als „gefährlich“ betitelt, weil man ihn damit triggern könnte. Kritik wird nicht zugelassen oder ernste Themen werden gerne ausgeblendet – dann „nervt“ man ihn direkt damit. Borderline-Patienten sind zudem komplett mit sich selbst beschäftigt – brauchte man selbst mal Hilfe, konnte man nicht auf ihn zählen. Die Hilfe basiert bei einem Erkrankten nur einseitig – und zwar, das man komplett für ihn da sein musste, aber er nicht für mich. Was für mich aber auch okay war, denn ich kannte ja seine Probleme – auch, wenn er das in vielen Situationen nicht zu schätzen wusste oder mich auch belastet hat, was für ihn jedoch egal war.

Borderline

iStock / Tinnakorn Jorruang

Immer wieder die Angst vor einem Trigger

Und trotz dieser ganzen Umstände: Ich habe immer zu ihm gehalten, während andere ihn schon längst im Stich gelassen hätten. Nicht, weil man es will, sondern weil man vielleicht einfach nicht kann. Denn auch für Freunde ist der Umgang alles andere als einfach und man braucht viel Geduld. Und natürlich hat man selbst auch viele (teils unüberlegte) Dinge gemacht oder gesagt, da man eben keine Erfahrung mit dieser Krankheit hat oder diese erst im Laufe der Zeit dazugewonnen hat. Mittlerweile haben wir keinen Kontakt mehr – aber diese 1,5 Jahre haben mir viel abverlangt, denn man musste ständig für Max* da sein, als es ihm schlecht ging – und solche Momente gab es oft. Wenn man eine Stunde mal nicht antworten konnte, kam sofort eine Nachricht, was mein Problem sei – obwohl ich gar kein Problem hatte oder man würde ihn ignorieren, was auch nie der Fall war. Für Telefonate oder als er Hilfe bei Bewerbungen brauchte hat man dafür sogar Meetings platzen lassen. Denn: Wäre man nicht verfügbar gewesen, hätte das eventuell wieder einen Trigger ausgelöst und das wollte man verhindern, aber es ging eben auch nicht in jeder Situation. Trotzdem: Ich hatte ihn wahnsinnig gern.

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Offene Kommunikation und das Problem mit Fehlern

Eine offene Kommunikation ist bei so einer Krankheit wichtig – diese gab es bei uns jedoch nicht immer, auch wenn wir über alles gesprochen haben. Das größte Problem: Fehler von Borderline-Erkrankten muss man ertragen, weil es eben eine Krankheit ist. Einem selbst dürfen jedoch nie Fehler passieren, weil es den Betroffenen triggern könnte – jedoch können sie passieren. Denn auch ohne Krankheit ist man schließlich nur ein Mensch.

Das Ende der Freundschaft

Ein Problem waren vor allem auch die sozialen Netzwerke. Immer wieder gab es aufgrund einiger Nachrichten bei Whatsapp oder Posts bei Instagram & Co. viele Missverständnisse – diese hätte man verhindern können, wenn man wie in einer richtigen Freundschaft eher persönlich darüber gesprochen hätte und ein Leben in Realität gehabt hätte. Genau das wollen Borderline-Betroffene aber eben nicht, ziehen sich zurück und wird hingehalten. Und somit bleiben die sozialen Netzwerke – und damit eben die Missverständnisse und Probleme. Im Juni gingen wir getrennte Wege. Wenn eine Freundschaft mit einem Borderliner in die Brüche geht, ist man danach für ihn das größte Hassobjekt und er würde mir wahrscheinlich eher was Schlechtes wünschen – auch damit muss man klar kommen. Denn man hat ihn zurückgelassen – genau das, vor was Borderliner die größte Angst haben.

Und dennoch: Wenn der Umgang ein anderer war – aber wahrscheinlich genau deshalb: Wir standen uns sehr nahe. Es gab eben auch die vielen unglaublich schönen Momente und dafür bin ich sehr dankbar. Wir haben viel gelacht, geredet, sogar geweint oder hatten auch eine ungewöhnliche Dreier-Kombination mit einem gemeinsamen Freund. Nach dieser langen Zeit von 1,5 Jahren weiß ich, was Borderline ist und wie man besser damit umgehen kann. Fazit: Das wichtigste Wort ist Rücksicht und Verständnis, denn diese sollte man unbedingt auf Menschen mit psychischen Erkrankungen nehmen, auch wenn man selbst einiges zurückstecken muss. Aber man sollte dennoch auch einige Grenzen aufzeigen.  Ich wünsche ihm von Herzen alles Gute und ich würde diese Zeit als intensiv, lehrreich und irgendwie auch sehr besonders bezeichnen. Schon gelesen? Habe ich Borderline? Diese 6 Anzeichen sprechen dafür!

HINWEIS DER REDAKTION | Der Artikel ersetzt keinesfalls eine ärztliche Beratung! Der Inhalt von KUKKSI darf nicht dafür verwendet werden, eigenständig Diagnosen zu stellen – das kann nur ein ausgebildeter Arzt.

HINWEIS DER REDAKTION | Du leidest selber an Depressionen oder hast Selbstmord-Gedanken? Dann kontaktiere bitte umgehend die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhältst du anonym und rund um die Uhr Hilfe von Beratern.

*Name geändert

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